Der erste Kommentar, den ich auf den Begriff “Leerraum” erhielt, stammte von einem befreundeten Grafiker: “Hmm, Doppel E und Doppel R?”.
Abgesehen von der typografisch problematischen Konstruktion war es mir schon vorher bewusst, dass “Leerraum” etwas weit mit der argumentativen Keule ausholt. Dabei sind Leerräume für unsere Wahrnehmung so nötig wie die Luft zum atmen.
Luft bemerken wir erst, wenn sie sich anders als gewohnt verhält oder wenn sie überhaupt erst ein Verhalten an den Tag legt. Geht uns die Luft aus, braust sie uns um die Ohren oder transportiert sie Gerüche, dann rufen wir sie uns ins Gedächtnis, obwohl sie sonst für uns nicht da ist.
Leerräume verhalten sich ähnlich: erst wenn etwas nicht mit ihnen stimmt, fallen sie uns ins Auge. Zuviel, zu wenig, zu schmal, zu breit – der Leerraum ist ein Gestaltungselement und dennoch besonders, weil er nicht direkt fassbar ist. Nur der indirekte Schluss vom Raum zum Leerraum und das Wahrnehmen des Leerraumes als Raum, lässt uns den Leerraum als eigenständiges Objekt erkennen.
Nun haben wir das eigentliche Nichts als eigenständiges Etwas erkannt, Etwas welches sich jedoch einer exakten räumlichen Bestimmung entzieht. Deutlicher wird es, wenn wir uns einem Beispiel zuwenden, welches mir mein Diplombetreuer Thomas Rothfuß als Frage antrug: “Wie kann es sein, dass wir durch einen simplen Strich zwei Räume erschaffen?”

Können Sie in dieser Grafik die Räume exakt umreißen? Nicht? Macht nichts. Durch das Setzen des Striches wird eine Unterscheidung getroffen, der Strich selbst ist das Unterscheidungsmerkmal für die beiden Flächen, die links und rechts von ihm erschaffen werden. Der Leerraum ist also ein fließendes Etwas, welches nach Betrachtunsansatzes veränderlich erscheint. Ich würde die Leerräume übrigens so einzeichnen.

Wer jetzt an dieser Stelle keine Flächen, sondern nur den Trennstrich sieht, braucht sich keine Sorgen zu machen. Es ist, wie gesagt, eine Frage des Betrachtungsansatz und zu einem nicht zu unterschätzenden Teil auch eine Frage des Trainingszustandes der Wahrnehmung. Um die Sache etwas einfacher zu machen und um zu zeigen wie sensibel unsere Wahrnehmung sein kann, hier ein Beispiel der Ehrenstein Illusion:
Bemerkenswert ist, dass die obere Grafik mit einem helleren Zentrum ausgestattet ist, während die untere Grafik klar schwarz-weiß zu sein scheint. Das Zentrum der oberen Grafik weist genau die selbe Helligkeit auf wie das Umfeld. Trotzdem reagiert unsere Wahrnehmung auf den Leerraum vollkommen anders als auf die Umgebung. Warum genau das Zentrum heller erscheint, bedürfte einer längeren und unvollständigen, neurobiologischen Erklärung, welche hier aber fehl am Platze wäre. Viel wichtiger erscheint mir, dass die Wahrnehmung hier auf ein geschlossenes System reagiert. Die inneren Enden der Radiallinien bilden für uns ein Zentrum und in der Gesammtheit ein geschlossenes Etwas.
Was ich mit diesem Beispiel demonstrieren wollte, sind die Möglichkeiten der Wahrnehmung Dinge zu erkennen, die so eigentlich nicht da sind. Nachdem wir uns jetzt sicher sein können, dass Leerräume existent sind, auch wenn scheinbar nicht vorhanden, wenden wir uns einmal einem alltäglicheren Beispiel zu: dem Schriftzeichen.

Dass die Gestaltung einer Schriftfamilie oftmals viele Jahre in Anspruch nimmt bis sie zur Vollendung gereift ist, vergisst man bei der alltäglichen Anwendung oftmals. Jeder Buchstabe ist dabei Teil des Gesammtsystems Schrift, muss jedoch im Lesefluss klar erkenntlich sein. Dies erfordert eine ausgeklügelte Gestaltung und einen gekonnten Umgang mit Raum und Leerraum.

Das “T” der Times New Roman bildet unter dem Querbalken sowie links und rechts vom Fuß definierte Räume. Durch die Endungen der Serifen im Querbalken enstehen für das Auge Abschlusspunkte, welche die Wahrnehmung miteinander verbindet und so den Eindruck eines Raumes noch verstärkt. Die Serifen am Fußende lassen Segmente einer Ellipse entstehen. Als Punkte dienen dafür die spitzen Enden und die Übergangspunkte von der Rundung zur Geraden des Schaftes. (Und dies sind nur die offensichtlichsten Räume.) Dieses Zeichen ist ausgestaltet. Es gibt Typografen, die bei solchen Zeichen sogar vom “Leuchten” der Weißräume sprechen.
Leerräume begegnen uns selbstverständlich auch in anderen Lebensbereichen, nicht nur in der Grafik, in der der Leerraum zum guten Ton gehört. Stichwort: Ton, haben Sie eigentlich auch einen iPod? Diese Geräte sind so reduziert gestaltet, dass der Fokus unweigerlich auf ihre einfachen Bedienelemente gelenkt wird. Diese wiederum sind so reduziert gestaltet, das sie bei Berührung ihre Funktion von selbst offenbaren. Diese Fähigkeit erhebt die iPods in die Königsklasse des reduzierten Designs.
Aber nicht nur bei Apple hat sich das Prinzip der Leere durchgesetzt. Wie sieht ihr DVD Player aus? Sehen sie einen Unterschied zu ihrem alten Videorecorder? Die DVD Player besitzen meistens nur noch ein paar rudimentäre Bedienelemente, während ihr Videorecorder vermutlich über mindestens ein halbes Dutzend Knöpfe verfügte.
Die Reduktion und die Konzentration auf das Wesentliche mittels Leerräumen hat sich nahezu überall durchgesetzt. Selbst wenn ich früh meinen Kaffee aus der Kaffeemachine lasse, habe ich genau drei Knöpfe vor mir: kleiner Kaffe, Anschalter, großer Kaffee. Es handelt sich um eine Senseo, und ich mag sie, weil sie sich auf das nötigste Beschränkt.
So weit, so gut. Ich könnte hier noch viele Beispiele ins Feld führen, denke aber, dass diese kurze Ausführung reicht, um die Bedeutung eines Leerraums zu umreißen und meine Wahl des Begriffs zu klären. Leerräume sind wie die Stille zwischen den Trommelschlägen des Alltags, das Durchatmen im Stress, eine separierende Stille, die Klarheit schafft und das Augenmerk auf das Wesentliche lenkt.
Denken Sie mal wieder an einen Leerraum, wenn Sie nach langer Suche erleichtert eine Parklücke sehen.